Hummeln lösten einen klassischen Intelligenztest — und wie sie das taten, schockierte die Forschenden

Das Insekt, das die Regeln der Intelligenz neu schreibt

Stellen Sie sich vor: Vor Ihnen liegt eine Aufgabe, die Sie noch nie zuvor gesehen haben. Keine Hinweise, kein Training — nur Ihr Gehirn und das Problem. Genau in dieser Situation befanden sich Hummeln in einem jüngsten Experiment. Und sie meisterten die Aufgabe nicht nur. Sie erfanden ihren eigenen Lösungsweg, den die Forschenden nicht vorausgesehen hatten. Die Wissenschaftler waren, wie sie selbst einräumten, erschüttert.

Das ist nicht nur eine interessante Geschichte über Insekten. Es ist ein Experiment, das dazu zwingt, neu darüber nachzudenken, was Intelligenz ist — und warum wir sie so lange ausschließlich in großen Gehirnen gesucht haben.

Was das für ein Test ist und warum er wichtig ist

Es geht um eine Anpassung der sogenannten „Schnuraufgabe“ — eines klassischen Tests für Einsicht und Problemlösen, der traditionell zur Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten von Primaten und Rabenvögeln eingesetzt wird. Das Prinzip ist einfach: Um an die Belohnung zu gelangen (in diesem Fall süßen Nektar), muss man an einer Schnur ziehen oder eine nicht triviale Abfolge von Handlungen ausführen.

Den Hummeln wurde nicht beigebracht, wie genau sie das tun sollten. Man zeigte ihnen lediglich den Versuchsaufbau. Und dann geschah Folgendes: Ein Teil der Bienen verstand die Aufgabe nicht nur, sondern fand auch einen alternativen Weg zum Ziel — eine Methode, die die Experimentatoren ursprünglich nicht als möglich vorgesehen hatten. Sie umgingen die Aufgabenbedingungen buchstäblich, indem sie eine unkonventionelle Lösung erfanden.

Die Forschenden der Queen Mary University of London, die ihre Ergebnisse in Nature veröffentlichten, nannten dies eine „spontane Erfindung“ — ein Verhalten, das zuvor nur bei Tieren mit deutlich größerem Gehirn beobachtet worden war.

Ein Gehirn so groß wie ein Sesamkorn — und dennoch

Das Gehirn einer Hummel enthält etwa eine Million Neuronen. Zum Vergleich: Beim Menschen sind es rund 86 Milliarden. Dennoch zeigen Studien seit Jahrzehnten immer wieder, dass Bienen zählen, Gesichter erkennen, von Artgenossen lernen und unter Stress sogar etwas zeigen können, das Pessimismus ähnelt.

Doch einen neuen Weg zur Lösung einer Aufgabe zu erfinden, ist eine andere Stufe. Das erfordert, was Kognitionswissenschaftler einsichtsvolles Denken nennen: die Fähigkeit, eine Situation gedanklich zu modellieren, über das Offensichtliche hinauszugehen und einen unkonventionellen Weg zu finden. Genau diese Art des Denkens galt lange als Privileg „höherer“ Tiere.

Was das über Intelligenz — und über uns — aussagt

Die Entdeckung wirft eine unbequeme Frage auf: Definieren wir Intelligenz vielleicht zu eng? Jahrzehntelang nutzte die Wissenschaft die Gehirngröße, die Zahl der Neuronen und das Vorhandensein eines Neokortex als wichtigste Marker kognitiver Fähigkeiten. Hummeln erfüllen keines dieser Kriterien — und bewältigen dennoch Aufgaben, die sie eigentlich „nicht lösen sollten“.

Das passt zu einer breiteren Debatte in den Kognitionswissenschaften: Intelligenz ist kein einheitlicher Monolith, der starr an die Anatomie gebunden ist. Sie ist ein Bündel funktionaler Fähigkeiten, die sich in sehr unterschiedlichen Architekturen verwirklichen können — ob mit 86 Milliarden Neuronen oder mit einer Million.

Für alle, die sich für die Messung menschlicher Intelligenz interessieren, ist das eine Erinnerung: Selbst unsere besten Tests — IQ, Raven-Matrizen, Arbeitsgedächtnistests — erfassen nur einen Teil dessen, was man als „intelligentes Verhalten“ bezeichnen kann.

Praktische Schlussfolgerungen

  • Verwechseln Sie Geschwindigkeit nicht mit Intelligenz. Hummeln lösten die Aufgabe nicht schnell — sie erkundeten, irrten sich, versuchten es erneut. Einsicht kommt selten sofort.
  • Die Umgebung ist wichtig. Bienen, die vor der Lösung der Aufgabe andere Individuen beobachteten, schnitten besser ab. Soziales Lernen stärkt kognitive Fähigkeiten — bei Insekten ebenso wie bei Menschen.
  • Kreatives Problemlösen lässt sich trainieren. Wenn selbst eine Hummel ohne spezielles Training zu Einsicht fähig ist, stellen Sie sich vor, was möglich ist, wenn man diese Fähigkeit gezielt entwickelt.
  • Denken Sie neu darüber nach, was „intelligent“ bedeutet. Intelligenz nur anhand standardisierter Tests zu beurteilen, ist so, als würde man körperliche Fitness nur nach dem Ergebnis einer einzigen Übung bewerten.

Fazit: kleines Gehirn, große Frage

Hummeln werden in naher Zukunft keinen IQ-Test ablegen. Doch ihre Fähigkeit zur spontanen Erfindung erinnert uns an etwas Wichtiges: Intelligenz ist in der Evolution nicht nur einmal und nicht nur in einer Form entstanden. Sie entsteht dort, wo Umweltdruck, soziale Interaktion und ausreichende neuronale Flexibilität vorhanden sind — unabhängig von der Größe des Schädels.

Und vielleicht ist genau das die interessanteste Lektion für alle, die ihren eigenen Geist verstehen und entwickeln wollen: Intelligenz ist weniger fragil und universeller, als wir es gewohnt sind zu denken.